
Nachlese: Literaturstammtisch in Goslar
AG LITERATUR der Braunschweigischen Landschaft zu Gast in Goslar
Auf Initiative unseres engagierten Mitglieds Kea Martina Schwarzfeld fand jetzt der aktuelle literarische Stammtisch unserer Arbeitsgruppe in der Kaiserstadt am Nordharz statt. „Stammtisch“ charakterisiert dieses Treffen nur peripher: Es ist der rege Austausch unter Gleichgesinnten – was schreibst du gerade, was habe ich zuletzt mit Begeisterung gelesen, wollen wir nicht einmal gemeinsam etwas über xy machen usw. Man darf sich also nicht vorstellen, dass sich diese Runde lediglich um Bierkrüge und Weinschoppen versammelt; im Gegenteil! Anregungen erhält die AG immer auch durch eine wissensreiche Stadtführung vorweg, weshalb die „Tatorte“ der Zusammenkünfte ständig wechselt. Beim Treffen in Goslar war es ein glücklicher Zufall, dass die städtische Fremdenführerin ebenfalls schriftstellerisch interessiert ist und uns somit auf manche Spur setzen konnte.
Carl Friedrich Gauß trifft Heinrich Heyne
Dass er anlässlich seiner Harzwanderungen auf den Auerhahn in Goslar bei Heinrich Heyne eine Kaffee-Pause einlegte, ist nicht überliefert, wäre aber naheliegend: Denn dieser Y-Heyne, also nicht etwa der Dichter, sondern ein ortsansässiges Rechengenie, wäre sicher ein geeigneter Gesprächspartner für unseren Carl Friedrich Gauß gewesen. Ob sie sich kannten? Der Goslarer Lehrer war immerhin zehn Jahre jünger und muss den „Fürsten der Mathematik“ aus den beiden großen Städten vor seiner Haustür bestimmt gekannt und bewundert haben.
Seit dem 3. September 1811 war Y-Heyne als Elementarlehrer mit Schreiben und Lesen an der heutigen Realschule „Hoher Weg“ tätig. Zusätzlich unterrichtete er auch das elementare Fach Rechnen. Dabei bemerkte Heyne, dass seine Schüler über sehr schlechte Rechenkünste verfügten; auch die Erwachsenen, sogar Kaufleute und Offiziere, waren oft des Rechnens nicht mächtig. Deshalb begann er, auch die Erwachsenen zu unterrichten. Aber nicht nur das:
Während seiner mehr als 50-jährigen Tätigkeit an der Realschule richtete dieser Johann Heinrich Friedrich Heyne (1787-1869) das sogenannte Schulsparen ein.
Nachdem zu Beginn des 19. Jahrhunderts allmählich flächendeckend überall Sparkassen gegründet wurden, schuf man auch zugleich organisatorisch-institutionelle Hilfestellungen, um Schüler und Jugendliche zum Sparen anzuhalten und ihnen praktische Hilfestellung beim Sparen zu geben. Eine besondere Rolle spielten dabei Schulsparkassen. Diese erste Schulsparkasse wurde 1820 durch Initiative von Heyne in Goslar eingerichtet.
Zu seinem 50jährigen Dienstjubiläum schenkte ihm die Stadt Goslar einen größeren Geldbetrag. Und damit gründete er die bis auf den heutigen Tag aktive Heyne-Stiftung: Jährlich fand damals das „Heyne-Rechnen“ statt. Aus den Zinsen der Stiftungsgelder wurden die ersten drei Preisträger belohnt.
An der Realschule „Hoher Weg“ findet auch heute noch das „Heyne-Rechnen“ statt, und immer noch werden die ersten drei Preisträger mit einem Geldbetrag geehrt. Die Preise stammen auch heute noch aus den Zinserträgen der Heyne-Stiftung. Im Rahmen der jährlichen, offiziellen Abschlussfeier der Realschule wird den Siegern dieser Geldbetrag durch einen Bürgermeister der Stadt Goslar überreicht.
Ein solches Engagement – wenn’s um Geld geht – dürfte auch Carl Friedrich Gauß begeistert haben, von dem wir wissen, dass er mehr als gut mit seinem Vermögen umgehen konnte. Es ist überliefert, dass er sich intensiv mit Aktienspekulation (bevorzugt mit Wertpapieren von Eisenbahnen) befasste und nach seinem Tod ein beträchtliches Vermögen von 170.000 Talern vererbte. Das entsprach damals dem 170-fachen des Jahresgrundgehalts von Professoren.
Text und Fotos: Dr. Lutz Tantow